Sonntag, 26. September 1999

Damals

Aus dem Tagebuch eines Hundes

von Till Ringeisen (1964)
 

Montag

Jeden Monta dasselbe: Schlechte Stimmung. Herrchen, Frauchen, die Kinder - alle miteinander miserabler Laune. Nachmittags allein spazierengegangen. Belle getroffen. Bei Bello zu Hause genau das gleiche. Menschen mögen offenbar Montag nicht. Warum bloß?  

Dienstag

Vormittags mit Frauchen einkaufen gegangen. Jedesmal vor dem Laden angebunden worden. Ekelhaft! Dabei aber reizende Pudeldame kennengelernt. Verabredung leider zwecklos, weil das Mädchen nie allein ausgehen darf. Schade! - Nachmittags in Mülltonne alten Knochen mit herrlichem Hautgout entdeckt. Sofort nach Hause getragen. Von Frauchen deshalb "Schwein" geschimpft worden. Mir unverständlich, was Menschen für einen sonderbaren Geschmack haben. - Abends fern gesehen. Langweilig. Bald eingeschlafen.

Mittwoch

Geldbriefträger kräftig verbellt. Herrlicher Spaß! Aber leider geschimpft worden. Alles was ein bisschen Spaß macht, ist verboten. Man ist wirklich ein armer Hund!  

Donnerstag

Herrliches Wetter! Wollte mit Frauchen Gassi gehen. Habe mehrmals unmissverständlich Leine apportiert und schwanzgewedelt. Aber Frauchen hatte keine Zeit, musste putzen. Sonderbar, dass Menschen immer irgendwas müssen, auch wenn das Wetter noch so schön ist. Versuchte dann abends mit Herrchen Gassi zu gehen. Herrchen wollte nicht. War zu müde. Saß dann aber bis elf Uhr vor dem Fernseher. Die Menschen sind komische Leute. Für die schönsten Dinge haben sie entweder immer keine Zeit oder sie sind zu müde.  

Freitag

Heute Haferflocken mit Karotten und einer Spur Blutwurst zu Mittag. Hundsgemeiner Fraß so was. Müsste man eigentlich der Gewerkschaft Haus-, Hof- und Schoßhunde melden. Herrchen war auch unzufrieden, wegen Eintopf. Frauchen böse geworden, hat erklärt: zu wenig Haushaltsgeld. Außerdem knapp vor dem Ersten. Verstehe nicht, was die Menschen immer mit dem Ersten haben: Schon Tage vorher gibt es nichts Vernünftiges mehr zu futtern. Und die ersten Tage danach Überfluss an herrlichsten Kotelettknochen. Muss immer wieder feststellen: Menschen sind wie junge Hunden, können nicht maßhalten. Habe schon mehrmals versucht nach dem Ersten einige Kotelettknochen für das Monatsende unter Sofa aufzubewahren. Jedesmal geschimpft worden. Sinkt angeblich!  

Sonnabend

Um acht Uhr versucht Herrchen zu wecken. Geschimpft worden. Vormittags dann alles wild durcheinandergerannt. Auch nachmittags hat keiner Zeit für mich gehabt. Herrchen Auto gewaschen. Frauchen von zwei bis sechs beim Friseur. Kinder Schularbeiten gemacht. Deshalb den Nachmittag auf dem Sofa verdöst. Zwar verboten, aber niemand hat geschimpft: Keine Zeit!  

Sonntag

Herrchen hat beim Frühstück erklärt: Weil schönes Wetter wird Ausflug gemacht. Frische Luft, Bewegung, Erholung und so weiter. Nach dem Frühstück mit Auto fortgefahren. Nach achtzig Kilometern in Gasthaus gegangen. Dort schöne Knochen bekommen! Nach dem Essen wieder Auto gefahren. Später in Cafe gegangen. Langweilig! Anschließend einhunderzwanzig Kilometer nach Hause gefahren. Viel Zeit gebraucht, weil Verkehrsstauung. Herrchen und Frauchen schnell umgezogen: hatten Theaterkarten, die sonst verfallen waren. Ich habe mich ins Körbchen gelegt. Von langem, herrlichen Waldspaziergang mit vielen, vielen Bäumen geträumt! Beim Aufwachen wieder einmal festgestellt, dass der Mensch eigentlich ein ziemlich blöder Hund ist.

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